Grenzenlos?

Wir moderne Menschen in einem zivilisierten Land haben im Grunde keine Sorgen, wenn die Familie gesund, die Miete gezahlt und der Arbeitsplatz gesichert ist.

Also suchen wir häufig unsere Grenzen in anderen Bereichen, sei es nun in extremem Konsum, sportlichen Aktivitäten, Reisen, ach, die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Dabei ist völlig klar, daß die aus den verschiedenen Zeitvertreiben gezogene Befriedigung nicht für jeden anderen nachvollziehbar sein kann.
(Genau darin könnte man ein Merkmal von Individualismus sehen.)

Immer häufiger höre ich in dem Zusammenhang die Formulierung „Das finde ich grenzwertig.“.

Der Sprecher möchte damit vermutlich gerne so etwas wie „Ich versteh's nicht, aber wenn's Dich glücklich macht...“ ausdrücken.

Das tut er aber nicht!
Durch die Verwendung des Wortes impliziert er einerseits, daß es eine Grenze gibt – das hören echte Individualisten gar nicht gerne.

Andererseits sagt er aber nicht, wo diese Grenze liegt und auf welcher Seite sich der beschriebene Sachverhalt seiner Auffassung nach bewegt.

Eine klassische Worthülse also.
Würde sie nur im Privaten und nur in Bezug auf Hobbies verwendet, wäre das kein Thema für diese Kolumne.

Denn so wichtig jeder Einzelne seinen Freizeitvertreib auch nehmen mag, so unbedeutend ist das im Grunde.
Sind wir ehrlich:
Über freundliche Plauderei geht der Austausch selten hinaus.

Leider werden aber auch Gesinnung, Politik und wirtschaftliche Belange immer häufiger mit diesem Adjektiv belegt.

Das ist der Diskussion der Sache alles andere als dienlich, denn die lebt davon, daß man klare Standpunkte austauscht.
Selbstverständlich mit dem nötigen Respekt und freundlich, aber eben auch deutlich.

Nur eine Gesellschaft, deren Mitglieder vor allem moralische und ethische Grenzen klar formulieren, hat eine Chance, diese auch im täglichen Leben zu erkennen und gemeinsam durchzusetzen.

Wenn wir's mal laut und gemeinsam sagen, sind Graffiti im U-Bahn-Inneren schlicht inakzeptabel, Gewalt gegenüber Fremden im öffentlichen Raum unmöglich und Bonuszahlungen in schlechten Zeiten untragbar – nur um mal drei Dinge aus der Luft zu greifen.

Gibt es noch mehr, was mal laut gesagt werden sollte?
Dann fangen wir doch mal damit an, die kleinen Dinge, leise und deutlich auszudrücken!

Mit klarer Grenze und von einer Seite derselben.

 

(28. Februar 2010, Copyright by Sprachschlampen.De)

 

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