Hamse jedient?

Der Mann klopft mit hochrotem Kopf von außen an die Glastür eines Büros, bis ihn jemand bemerkt.
Der stupst seinen Nachbarn an, der wiederum seinen, und so weiter, bis endlich die Arbeit im gesamten Büro ruht.

Der Mann an der Scheibe zeigt auf einen der Mitarbeiter, dreht die Handfläche nach oben und krümmt zwei Mal den Zeigefinger.
Dann ballt er die Faust, reckt die Hand nach oben und bewegt sie zwei Mal hektisch mit senkrechtem Unterarm von oben nach unten und zurück.

Er hält das für effiziente, adressatengerechte Kommunikation, denn er kommt gerade von seinem Chef; der war schließlich Hauptmann, hat ihm gerade die Meinung gesagt, und der Druck muß in einer funktionierenden Hierarchie zügig und unvermindert weitergegeben werden.

„Mitkommen, Marsch-Marsch, An­schiß!“ also – für alle, die nicht gedient haben oder sich nur ungern und lückenhaft daran erinnern.

Sein Chef wiederum hat ihm, als er ausweichend auf eine Frage geantwortet hatte, vorgeworfen, er würde Nebelkerzen werfen.
Daraufhin hat er sich überlegt, daß er das nächste Mal seine Linien besser befestigen und nicht ohne Plan in die Schlacht ziehen, sondern seine Truppen etwas schlagkräftiger ordnen sollte.
Ganz ehrlich: Ich bin nicht der Ansicht, daß Unternehmen so rein grundsätzlich demokratische Veranstaltungen sein sollten.
Eher im Gegenteil.
Straffe, zweifelsfreie Hierarchien mit klaren Kommunikationswegen und -methoden können uns eine solide Basis zur kreativen Arbeit geben.
Dann wissen wir wenigstens, worauf wir uns verlassen können, wenn wir improvisieren müssen.

Aber leider führen unsere Unternehmenslenker allzu häufig Grabenkämpfe, in denen sie im Grunde nur Personal verschleißen.
„Divide et impera“ ist vielerorts gelebte Kommunikationskultur, denn der Feind hört mit!
Und wer gar zu deutlich Fahne zeigt, bietet dadurch vor allem Angriffsfläche (so lange es nicht die weiße ist).

Die öffentliche Berichterstattung tut ihr Scherflein dazu, indem sie von einer feindlichen Übernahme spricht, wenn sie einen Unternehmenskauf meint* und dergleichen mehr.

Die Beispiele für militärische Begriffe im täglichen wirtschaftsdeutsch ließen sich praktisch endlos fortführen.

Und sie zeugen von einer aus meiner Sicht wirklich bedrohlichen Geisteshaltung:
„Herr Schmidt, bitte kommen Sie sofort mit!“ ist zwar keine Ausgeburt der Freundlichkeit, hält aber jedem Vergleich mit dem Klopfen und Hampeln hinter der Glastür stand.

Ebenso verhält es sich mit „Genauer bitte.“ an Stelle von „Jetzt werfen Sie Nebelkerzen!“.

Militärische Sprache schafft keine blühenden Landschaften, sondern Schlachtfelder!

Und wo wollen Sie morgen arbeiten?

 


* Ich möchte hier nicht dem heuschreckenhaften Turbokapitalismus das Wort reden. Aber wo ein Käufer ist, ist eben auch ein Verkäufer, der den Kaufgegenstand nicht mehr haben will. Das gilt für börsennotierte Aktiengesellschaften ebenso wie für bislang unbebaute Nachbargrundstücke!

 

(21. September 2009, Copyright by Sprachschlampen.De)

 

Druckversion