Leichenschau

Der Begriff hat mich schon immer etwas irritiert, obwohl wir als fernsehloser Haushalt möglicherweise zur Zielgruppe solcher Veranstaltungen gehören.
Nein, keine Sorge, der Titel der Kolumne sagt nicht, daß ich der Nekrophilie anheim gefallen wäre.
Es geht um diese besonderen fernsehsportlichen Anlässe, zu denen sich große Menschenmengen außerhalb der Veranstaltungsorte treffen um das Ereignis gemeinsam zu verfolgen:

Public viewing.

Diese Bezeichnung kam in Deutschland mit der Fußballweltmeisterschaft 2006 auf, und vor lauter Begeisterung – es war ja auch erstaunlich – haben wir die kritischen Stimmen unserer englischen Nachbarn nicht wahrgenommen.

Naja, wenn's um Fußball geht, ist das Verhältnis zwischen Deutschland und England ohnehin leicht angespannt.
Da ist es mitunter besser, die Äußerungen der Briten zu ignorieren. Die gehen nämlich nicht so sensibel und zurückhaltend mit den Symbolen und Begriffen aus der kriegerischen Geschichte der beiden Staaten um wie zum Beispiel unsere sympathischen Nachbarn aus Oranje.
Aber ich schweife ab.

Es war ein unschlagbar guter Sommer, die Veranstaltungen erfreuten sich größter Beliebtheit und es war nicht wichtig, wie man das nannte, so lange es genügend Sitzplätze und kühle Getränke gab.
Nach der Weltmeisterschaft setzten wir uns eher mit dem psychologischen Phänomen des Sommermärchens auseinander, und so lange Fußballer und deren Trainer Interviews geben, muß man wirklich nicht in den Krümeln suchen um sprachliche Kurzweil im Überfluß genießen zu können.

Aber jetzt, nachdem mit der lange vergangenen Europameisterschaft die zweite Public-Viewing-Welle durch die Republik geschwappt ist, habe ich es doch mal getan:
Ich bin den Gerüchten nachgegangen, „public viewing“ wäre kein geglückter Anglizismus.

Und in der Tat:
Der Blick ins Wörterbuch sagt, daß es sich hierbei um die Ausstellung eines aufgebahrten Leichnams handele!1

Ich kann mich zwar noch recht deutlich an ein WM-Spiel zwischen Österreich und Deutschland erinnern, dessen Spielfreude den Vergleich mit einer Leichenschau nicht zu scheuen brauchte und das dadurch mein Verhältnis zu Sportübertragungen nachhaltig geprägt hat – ich glaube, es war die WM-Vorrunde von 1982.

Auch wäre es für einen Fan durchaus angemessen, seiner Mannschaft in aller Öffentlichkeit die letzte Ehre zu erweisen, bevor sie das Turnier verläßt.

In den meisten Fällen jedoch erhoffen sich Ausrichter und Teilnehmer einen lebensbejahenden, fröhlichen Verlauf der Veranstaltung und den Sieg ihrer Mannschaft („Wir werden fair zu den Verlierern sein, Hauptsache, wir gewinnen.“ singen die Toten Hosen dazu.).

Aber wie nennen wir die Veranstaltungen dann?

Wenn es unbedingt Englisch sein muß, wäre „public screening“ ein passender Begriff.

Unsere eigene Sprache bietet uns hier darüber hinaus einigen Spielraum, allgemein verständlich eine persönliche Note hinzuzufügen, die gleichzeitig unser Verhältnis zur Veranstaltung aufzeigt.
Denn zu Turnierzeiten weiß ohnehin jeder sofort, wovon wir sprechen.

Rudelglotzen. Kicken-Kieken (in Hessen: „Kigge-gugge“), Volksfernsehen, nur um einige Beispiele zu nennen.

Mein persönlicher Favorit ist „Fußballgrillen“.
Da kann ich nämlich nicht nur zuschauen, wie das Runde in das Eckige geht, sondern kann auch nach Herzenslust mitmachen – ausgetrunkene Bierflaschen direkt zurück in den Kasten, Würste auf den Grill, und viel später Geschirr in die Spülmaschine.

Und ich brauche mir über Fußball keine weiteren Gedanken zu machen.
Erprobt seit 1982.
 


Unter dem Strich muß ich hier ehrlicherweise noch ein weiteres Ergebnis meiner Nachforschungen berichten: „Public Viewing“ wird neuerdings auch im Englischen verstanden und im hiesigen Wortsinn verwendet. Hoffentlich führt das beim nächsten Staatsbegräbnis nicht zu Peinlichkeiten!

 

(4. Oktober 2008, Copyright by Sprachschlampen.De)

 

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