Nix-Mas!

Nur, damit das klar ist:
Heiligabend ist jedes Jahr am 24. Dezember.
Da kommt in Deutschland das Christkind und bringt (stets unerkannt) die Geschenke.
Früher trug es schwer an Holzspielzeug, heute bringt es Unterhaltungselektronik.

Die vier Sonntage davor heißen Advent.
Die waren nicht immer verkaufsoffen, sondern sind eigentlich dem Familienkaffee vorbehalten und dienen der Erbauung für die anstehenden Weihnachtsfeiertage.
Außerdem müssen die Kinder Blockflöte üben.

So ist man nämlich mit den ungelösten Konflikten in der Kernfamilie bis zu den Feiertagen schon durch und kann sich dann an Weihnachten – das sind die Tage zwischen dem 24. und 26. Dezember – voll auf die Streitigkeiten im weiteren Familienkreis konzentrieren (Freundliches „Hallo“ an alle Schwieger­müt­ter!).

Zwischendrin gibt es noch ein wichtiges Datum, und zwar den sechsten Dezember.
Nikolaus von Myra hat zwar mit Weihnachten eigentlich nichts zu tun, war aber ein frommer Wohltäter, der wohl auch bei Kindern gut ankam.
Noch heute füllt er in der Nacht zum sechsten Dezember den lieben Kindern Leckereien in die Schuhe, die sie mit ihrem Weihnachtswunschzettel drin vor die Tür gestellt haben.
Die nicht so lieben machen nähere Bekanntschaft mit seinem Gehilfen, Knecht Ruprecht (mancherorts auch „Krampus“).
Regional kommen noch einige besondere Gebräuche hinzu wie beispielsweise der Verzehr gebratener Gänse am Mittag des 25. Dezember in Bayern, der den Energieversorgern jedes Jahr ein gutes Argument für ein weiteres Atomkraftwerk liefert.

Auch entwickeln Familien völlig unabhängig voneinander und ganz individuell eigene Traditionen wie Fondue, Raclette, Leberwurst mit Pellkartoffeln und Schrottwichteln am 26. Dezember.

Aber das ist es dann auch schon.
So in etwa geht Weihnachten in Deutschland, und das funktioniert seit Generationen einwandfrei!

Da ist an und für sich kein Platz und keine Notwendigkeit für „Rudolph, the red-nosed reindeer“ (Rudi, den rotnasigen Rentner).
Ein dicker, schwer bekleideter, omnipräsenter Weihnachtsmann namens „Santa“ dürfte Herrn von Myra erstaunen, der den Umhang und die leichten Schuhe eines Bischofs trug.
Auch die vermeintlichen Weihnachtslieder „Last Christmas“ und „Fairy Tale Of New York“ (Hören Sie mal genau auf die Texte!) sowie ausufernde Haus- und Gartenbeleuchtung (Grüße aus Stenkelfeld!) gehören nicht dazu.

Und dementsprechend können wir uns auch auf das in diesem Umfeld in die deutsche Sprache geschneite Wort „Christmas“ schenken, das trendbewußte Zeitgenossen gerne „X-Mas“ abkürzen.

Denn in „X-Mas“ steckt die komprimierte Hektik der Vorweihnachtzeit:
Von Geschäft zu Geschäft hetzen, um durchschnittlich 400 Euro für garantiert umtauschbare Geschenke auszugeben – denn man hat sich mit den zu Beschenkenden während des ganzen Jahres nicht so intensiv auseinandergesetzt, daß man seine Vorlieben kennen würde.

Familienbesuche mit Speisenfolge im Minutentakt planen – denn wenn sie essen, muß man nicht mit seinen Besuchern reden.

Haus und Hof dekorieren – denn „Was sollen denn die Nachbarn denken?“.

„Christmas“ beginnt im Übrigen auch viel früher als Weihnachten, der Aufstand geht immer direkt nach „Helloween“ los!
„Helloween“ ist mir an sich ganz recht, denn seit es das gibt, bleiben die Lebkuchen bis dahin meist noch im Lager und man wird die alten Bonbons von Karneval los.

Also, weg mit „Christmas“ und „X-Mas“, jagt „Santa Claus“ zum Krampus, weg mit dem Stress!
Nehmen wir uns Zeit und feiern wieder in aller Ruhe Weihnachten.

Mit kleinen Pannen in Menü und Zubereitung.
Mit schief stehendem Baum und Blockflötenterror.
Mit den Schrulligkeiten unserer Familien.

Und mit Herz, Spaß und glänzenden Augen.

(2. Dezember 2007, Copyright by Sprachschlampen.De)

 

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