Zigeunerjunge

„Zigeunerjunge, Zigeunerjunge, wo bist Du, wo sind Eure Wagen...“ trällerte Alexandra 1967 völlig unbefangen und äußerst erfolgreich.

Heute ginge das in der Form nicht mehr, denn das Wort gilt zwischenzeitlich als „negativ konnotiert“.

Das ist im Grunde erklärlich, denn die Nazis hatten sich seinerzeit zum Ziel gesetzt, die auf deutschem Staatsgebiet (in den von ihnen großzügig gezogenen Grenzen) lebenden Mitglieder dieser Bevölkerungsgruppe möglichst vollständig und nachhaltig auszurotten.

Diese Tatsache war allerdings 1967 bereits bekannt und im Kontext noch wesentlich präsenter.
Insofern ist der sprachliche Stimmungswandel nicht erklärlich.

Das Wort selbst wurde im übrigen ab dem 15. Jahrhundert ganz allgemein für umherziehendes Volk mit delinquenten Neigungen verwendet und erhielt erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts seine verhängnisvolle Verknüpfung mit Volksstämmen bestimmter Herkunft, genauer gesagt „Roma“.

Gut für das Wort, schlecht für die Roma.
Denn letztere litten fortan unter dem schlechten Image der Bezeichnung.

So wurden aus den „Zigeunern“ irgendwann „Sinti und Roma“.
Aber auch das war unseren Behörden und Ämtern zu negativ behaftet – wenngleich es sich hierbei um die traditionelle Selbstbezeichnung bestimmter Stämme handelt.

Für Mitglieder anderer Volksstämme war der Begriff jedoch unzutreffend, also wurde in den 90ern der Begriff der „mobilen ethnischen Minderheiten“ - amtsdeutsch „MEMs“ - geprägt und verwendet.

Weil auch hierin eine latente Diskriminierung schlummerte, gibt es seit Anfang November 2009 in öffentlichen Organen, Ämtern und Behörden eine neue Bezeichnung, und dieses Wort verdient einen eigenen Absatz:

Rotationseuropäer.

Ja, ist wahr, kein Scherz!
Alexandras „Zigeunerjunge“ wäre heute also politisch korrekt als „heranwachsender Rotationseuropäer“ zu besingen.

Aber ist denn den Betroffenen mit solcher Sprachakrobatik geholfen?

Im Internet gibt es Alles, und das Internet gibt es praktisch überall.
Die Sinti-Allianz Deutschland e.V. schreibt auf Ihrer Seite zur Frage der korrekten Bezeichnung, daß diese dem Außenstehenden wegen der Vielzahl der Gruppen kaum zutreffend möglich sei.
Man solle sie daher ruhig als „Zigeuner“ bezeichnen, sofern dies wertfrei geschehe.

Das geht mir nicht weit genug.
Ich bin der festen Überzeugung, daß die meisten Zigeuner (ebenso wie 98% der übrigen Erdbevölkerung auch) mit ihrer Familie glücklich, friedfertig und im Einklang mit den Gesetzen leben wollen.

Das sollten wir respektieren und unterstützen – das ist nicht wertfrei.

Und um die übrigen 2% sollten wir uns gemeinsam kümmern.

Denn die sind Schuld daran, daß Alexandras poetisches Bild heute nicht mehr funktioniert!

 

(22. November 2009, Copyright by Sprachschlampen.De)

 

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