kleinschrift


(Von der Keilschrift zur Kleinschrift)

Immer mehr Zeitgenossen stellen ihre Schriftgewohnheiten um.
Nicht, daß sie plötzlich unverständliches Kauderwelsch von sich geben würden (Das kommt manchmal erschwerend hinzu!) oder von rechts nach links schreiben würden, nein, weit gefehlt!
Sie verzichten einfach auf Großbuchstaben und teilweise auch auf zur Orientierung im Text recht hilfreiche und die Augen des Lesers beruhigende Satzzeichen und Absätze.
Echte Könner der Szene sparen sich auch Umlaute und unser heiß geliebtes Rucksack-S.

Was aber mag einen intelligenten Menschen auf diese Idee bringen?
Ich habe mich noch nicht getraut, einen von ihnen danach zu fragen – ein Thema für die Sprachschlampen.

Konsequente Kleinschreibung könnte beim Schreiben als Zeitersparnis wahrgenommen werden.
Das scheint mir plausibel, denn die in den entsprechenden Texten verwendeten Formulierungen lassen zumeist auf große Eile beim Verfassen der Nachrichten schließen.
Es mag ja durchaus sein, daß dieses Vorgehen in gewissen Kreisen als enorme Steigerung der sprachlichen Effizienz (Verzeihung: „hebung eines signifikanten sprachlichen effizienzpotentials“) wahrgenommen wird.

Ich bin da anderer Ansicht.
Sprache – egal ob gesprochen oder geschrieben – hat die Aufgabe, eine Botschaft möglichst unmißverständlich vom Sender zum Empfänger zu transportieren.
Dabei ist die Aufmachung in der Wahrnehmung untrennbar mit dem Inhalt verbunden.
Wozu sonst haben wir uns so viele Schriftarten und trickreiche Spielereien mit Layouts ausgedacht?
Der Verzicht auf diese Möglichkeiten spart möglicherweise beim Verfassen Zeit.
Abgesehen davon, daß der Empfänger der Nachricht diese unter Umständen nicht sofort versteht, sondern mehrfach lesen muß, wird ihm aber zwischen den Zeilen noch etwas mitgeteilt: „Ich nehme mir für diese Nachricht an Dich keine Zeit. Sieh' doch zu, wie Du damit klar kommst!“

Das ist eine klare Abfuhr an die Person des Empfängers!

Diese Schriftgewohnheit ist übrigens nicht grundsätzlich neu: Die Baader-Meinhof-Bande (im Volksmund „RAF“) setzte diese Technik bereits 1976 ein, um ihre Geringschätzung gegenüber jeglichem „Establishment“ auszudrücken.
Sowohl die kryptischen Formulierungen als auch der eigenen Regeln folgende Satzbau war den modernen Sprachschlampen ähnlich.
(Glücklicherweise ging diese Unart mit der Bande unter.)

Man könnte jetzt mutmaßen, daß die Zeit eine andere war und der heutige Kleinschreib-Tick ganz einfach auf veränderte technische Rahmenbedingungen zurückzuführen sei.
Das lasse ich im Falle fehlender Umlaute noch gelten, wenn der Verfasser auf einer internationalen Tastatur schreibt.
Aber selbst die aktuellen Manager-Tamagotchis (Sie wissen schon, ich meine diese Telefon-EMail-Terminkalender-Kameras, die keinen nachweislichen weiteren Nutzen erbringen als ihre Besitzer rund um die Uhr zu beschäftigen.) verfügen – ebenso wie Notebooks und Arbeitsplatzrechner – über sämtliche Satzzeichen, einen Zeilenumbruch und eine Großschreibungstaste!
Die kann man auch in Eile benutzen, wie wir am Beispiel der gelegentlich groß geschriebenen Worte „WICHTIG! EILT!“ eindrucksvoll erleben können.
Die fraglichen Tasten liegen allesamt am Rand der Tastatur, sind ergo auch von ungeübten Schreibern problemlos mit den kleinen Fingern zu erreichen.
Sie zu drücken, dauert bestenfalls zwei Zehntelsekunden.

Die Verfasser sind also ganz einfach nicht dazu bereit, für ihre Leser den kleinen Finger zu rühren!

Dafür verlangen Sie aber als Antwort stets den Einsatz der ganzen Hand!

sehr geehrte damen und herren kleinschreiber wir sprachsensibelchen danken für ihre hocheffizient gestalteten nachrichten und werden auch künftig stets unser möglichstes tun um ihre hohen erwartungen an die antworten weit zu übertreffen.

(16. Oktober 2007, Copyright by Sprachschlampen.De)

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