Potenzial

„An dieser Stelle können wir noch beachtliche Potenziale heben.“

hört man gelegentlich vollmundig in der Flanell-Etage größerer Unternehmen (Sie wissen schon, die meist unbevölkerte Etage des Unternehmenssitzes mit den dicken Teppichen und schalldichten Türen, hinter denen Wahrheiten aus dem Tagesgeschäft nur vorsichtig verbreitet werden dürfen).
 

Ich will jetzt nicht auf die Frage hinaus, ob es sich um „Potenziale“ oder „Potentiale“ handelt.

Da ist beides möglich und richtig.

Das „z“ ist – entgegen dem Trend zur Anlehnung der Schreibweisen ans Englische – noch immer weiter verbreitet.
 

Es geht um die Verwendung des Verbes „heben“ in Zusammenhang mit dem Subjekt „Potenzial“.
 

Das ist wie ein karierter Schlips zum karierten Hemd!
 

Werfen wir einen Blick auf die einzelnen Stücke:
„Potential“ im physikalischen Sinne ist die grundsätzliche Möglichkeit, daß etwas geschieht.

Wenn wir ein physisches System lassen, strebt es vom Zustand hohen Potentials hin zum Zustand geringeren Potentials. Dabei wird Energie frei, die wir nutzen können oder eben nicht.
Nehmen Sie die leicht nachvollziehbare Schwerkraft als Beispiel:

Heben Sie einen Stein vom Boden auf, erhöhen Sie dessen Potential.

Lassen Sie ihn wieder fallen, vermindern Sie es (oder besser gesagt, er vermindert es).

Daß dabei Energie frei wird, merken Sie beim Versuch, den Stein vor Erreichen der sündhaft teuren Bodenfliesen mit dem Fuß zu stoppen.

Und obwohl es sich nicht so anfühlt, ist die auf Ihren Fuß einwirkende Energiemenge die gleiche, die Sie beim Aufheben aufgebracht haben.
Klar soweit? Gut.
Das Beispiel zeigt vor allem zwei Dinge:
Erstens ist es nicht immer klug, Potentiale freizusetzen. Vielmehr sollte man sorgfältig darüber nachdenken, wie mit der freigesetzten Energie idealerweise umzugehen wäre. Wird sie genutzt, ist alles klar; müssen wir aber wieder neue Energie aufwenden, damit kein Schaden entsteht, lohnt sich weiteres Nachdenken!
Zweitens kann keine Energie freigesetzt werden, die in die Sache nicht vorher investiert worden ist.

Jemand muß sie also in die Lage gebracht haben, überhaupt Energie freisetzen zu können.
Soweit zum Potenzial.
 

Nun zum Verb „heben“.
Das Verb an sich ist ebenfalls ein ziemlich „pysisches“, denn in seinen häufigsten Verwendungen beschreibt es den Umgang mit Sachen.

Heben kann man also Vieles - und auch „Einen“.
Der Bezug des Verbs auf Subjekte ohne physische Substanz wie zum Beispiel Preise kommt meist etwas ungefällig daher – wie Preissteigerungen nun mal so sind.
In Zusammenhang mit „echten Sachen“ ist „heben“ ein starkes Verb, fehlt die Substanz, geht auch dem Verb die Kraft aus und es braucht Hilfe.

Das sieht man auch beim Versuch, es selbst in den Stand des Subjekts zu heben: Von „Hebung“ spricht man selten, „Anhebung“ und „Erhebung“ hört man häufiger.
In jedem Fall geht’s mit „Heben“ aber aufwärts.

Nun setzen wir beide Teile wieder zusammen:
Würde man ein Potenzial heben, so würde das eine Erhöhung des Potenzials bedeuten.

Wir heben den Stein also noch etwas höher, damit er mit mehr Wucht auf die Fliesen kracht.
Bezeichnenderweise passiert häufig genau das, wenn Unternehmenslenker in der Tagesarbeit „ihres“ Unternehmens Potenziale heben.
Aber selbst, wenn es mal in die richtige Richtung geht und das Potenzial genutzt wird, steckt in dieser Formulierung eine bedenkliche Geisteshaltung:
Wer hat denn die betroffene Sache in die Lage gebracht, daß sie nun Potenzial hat?
Na, eben! Genau derjenige, der es nun nutzen möchte!
Der verlangt von seinen Mitarbeitern in der Regel, daß sie mit Fehlern offen umgehen.

Für ihn selbst gilt das nicht, denn sonst würde er so etwas sagen wie „Das haben wir in der Vergangenheit falsch gemacht. Ich weiß, ich habe es angeordnet.“.
 

Also: Höchste Vorsicht, wenn diese Formulierung auftaucht, sie ist im Grunde ein Eingeständnis von Inkompetenz und ein klares Zeichen mangelnder Aufrichtigkeit!
 

In der täglichen Arbeitsroutine meine ich Fälle beobachtet zu haben, in denen Mitarbeiter ganz von alleine den frühen Feierabend anstreben, indem sie sich ihre Arbeit so einfach wie möglich machen – es sei denn, der Chef will es anders.

 

(24. Februar 2011, Copyright by Sprachschlampen.De)

 

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