VoiceDataSmartMaXXL

Kein Schwein ruft mich an!

Merke ich vielleicht bloß nicht, daß ich angerufen werde?
Oder sind alle möglichen Anrufer mit dem eigentlichen Akt des Anrufens überfordert?

Deutschland kriegt „Smartphones“.
Kein schönes Wort für diese neuartigen Telefon-Kamera-Internet-EMail-Navigations-Dingsbumse, aber die sind ja auch nicht schön.
Bevor uns eine schönere Bezeichnung dafür einfällt, müßten wir zunächst wissen und beschreiben können, welche unentbehrliche Funktion die Geräte eigentlich erfüllen.
Die meisten Smartphone-Besitzer lobpreisen die schier unendlichen Möglichkeiten des Geräts, scheitern jedoch an deren sinnvoller Anwendung. Entweder an technischen Unzulänglichkeiten, weit häufiger aber an Bedienungsproblemen oder – und das sind die meisten – weil der Kampf mit der Technik zum Selbstzweck geworden und der kommunizierbare Inhalt darüber verloren gegangen ist (Wir haben aus der Erfindung des Fernsehers als Gesellschaft nicht dazu gelernt!).

Aber noch komplizierter als die Geräte sind die Telefontarife:
Die haben (unabhängig von vielfältigen, sehr klein gedruckten inhaltlichen Unverschämtheiten) ihre völlig eigene Sprache, die ein krudes Gemisch aus Werbedeutsch, Akronymen und Anglizismen ist.

Ein paar Beispiele hierzu:
Kauft man eine regelmäßige Leistung zu einem fixierten Preis, spricht man normalerweise von einem Festpreis, Fixpreis oder einer Rate, Miete. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an die Anschlußmiete für Telefonanschlüsse der deutschen Bundespost.
Jetzt heißt das „Flatrate“, aber davon bietet jeder Anbieter gleich mehrere an, je nachdem, was man mit dem Gerät tatsächlich machen möchte.
Die meisten Tarife zum Telefonieren heißen „Call“ oder „Voice“, Ergänzungen („Classic“, „Basic“, „Comfort“, „XL“, „Smart“, „XXL“, „max“, „allnet“, „national“) geben vermeintlich ganz präzisen Aufschluß darüber, in welchem Umfang Telefongespräche im Tarif enthalten sind.
Will man auch Zugriff auf das Internet, so kommt eine zweite Preiskomponente hinzu, meistens „Surf“, „Data“, günstigstenfalls sogar „Internet“. Aber auch hier gibt es wieder zahlreiche kryptische Abstufungen der enthaltenen Leistung.
Der moderne Mensch möchte mit seinem Handy aber auch simsen, Verzeihung, mit Hilfe seines Mobiltelefons Kurznachrichten senden und empfangen. Auch hierfür gibt es wieder eine Vielzahl unwiderstehlicher Angebote, die glücklicherweise fast immer „SMS“ heißen.
Diese drei Komponenten lassen sich in einer schier unerschöpflichen Vielfältigkeit kombinieren; jeweils mit einem neuen Namen, der keinen unmittelbaren Rückschluß auf den Inhalt zuläßt, sondern seine Zielgruppe emotional erreichen soll.
So wird ein elektronischer Tarif-Vergleichsrechner praktisch unentbehrlich, und das eröffnet Individuen und Organisationen mit eher liberalen wirtschaftsethischen Ansichten ein breites Betätigungsfeld.
Doch damit nicht genug!
Wer glaubte, die Grundzüge der Begrifflichkeiten und Praktiken verstanden zu haben, irrt.
Jetzt gibt es vorausbezahlte Tarife („Prepaid“) auch als monatliche Festpreise („Flatrate“). Was soll das bitteschön, das ist doch die Quadratur des Kreises?!
Auch gibt es Kosten-Airbags, in Anlehnung an die Sicherheitsvorrichtungen in Autos, die die Insassen bei Unfällen schützen sollen – ein ganz tolles Bild, ist doch das Auto nebst Airbag nach dem Aufprall meist unbrauchbar.
Der letzte Schrei jedoch ist „Festnetz to go“. Das hat nichts mit dem gleichnamigen afrikanischen Staat zu tun, sondern bezeichnet vielmehr die Praxis, einem Mobiltelefon für eingehende Anrufe eine Nummer mit der Vorwahl des Wohnortes seines Besitzers zuzuteilen. So muß man die zwischenzeitlich übliche Höflichkeitsfrage „Wo bist Du? Hast Du einen Moment Zeit?“ künftig auch dann stellen, wenn man den Angerufenen zu Hause wähnte.
 

Und was tun wir, um uns gegen diese Unverschämtheit von Seiten der Telefonanbieter zu wehren?
Nichts, wir kaufen den Krempel als wär's was ganz was Tolles!

Bedenken zählen nicht, das ist der Trend, das muß man haben!
 

Da lobe ich mir einen Einzelfall, der letztlich – telefonisch! – Unterstützung und Trost bei mir suchte:
 

„Ich fasse mal zusammen: Du hast einen Vertrag abgeschlossen, nachdem Du von nun an jeden Monat viel Geld für ein Gerät zahlen sollst, das Du nicht verstehst?“

„Ja, so kann man das eigentlich sehen.“

„Gut, dann lies' mal das Kleingedruckte zum Widerruf. Normalerweise kannst Du eine oder zwei Wochen vom Vertrag zurücktreten.“

„Du, da hast Du eigentlich Recht...“
 

Also los, hauen Sie Ihrem Provider seine „VoiceDataSmartMaXXL“ nebst Smartphone um die Ohren!
 

Und dann rufen Sie erleichtert Ihre Freunde an!

 

(15. Februar 2012, Copyright by Sprachschlampen.De)

 

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